Orchideen zählen zu den faszinierendsten Pflanzen unserer heimischen Flora – und im Naturpark Zirbitzkogel-Grebenzen gibt es eine beeindruckende Vielfalt dieser besonderen Schönheiten zu entdecken. Mit ihren außergewöhnlichen Blüten ziehen sie alle Blicke auf sich und gelten vielerorts als Sinnbild unberührter Natur. Doch was macht Orchideen eigentlich so besonders? Ihre Schönheit und ihre oft seltene Erscheinung sind nur ein Teil der Geschichte. Hinter den eleganten Blüten verbirgt sich eine Welt voller erstaunlicher Anpassungen, raffinierter Strategien und spannender Geheimnisse.
Die Merkmale der Orchideen
Eine der auffälligsten Besonderheiten der Orchideen ist ihre Blüte. Wie auch bei Lilien unterscheiden sich die äußeren und inneren Blütenblätter kaum und bilden gemeinsam das sogenannte Perigon. Das mittlere der drei inneren Blütenblätter ist jedoch zu einer auffälligen Lippe (Labellum) umgebildet. Sie ist oft besonders farbenprächtig oder außergewöhnlich geformt und spielt eine entscheidende Rolle bei der Bestäubung: Sie lockt Insekten an und führt sie gezielt zur Blüte. Bei vielen Arten ist am Grund der Lippe ein hohler Sporn mit Nektar vorhanden, der besonders attraktiv für die Bestäuber ist.
Viele Orchideen haben sich im Laufe der Evolution auf ganz bestimmte Insekten als Bestäuber spezialisiert. Ein besonders faszinierendes Beispiel ist die Gattung Ophrys, die Ragwurzen. Sie kommen vor allem im Mittelmeerraum vor und überdauern die trockenen Sommer mithilfe einer unterirdischen Knolle. Ihre Blüten ahmen Form, Farbe und teilweise sogar den Duft weiblicher Insekten nach. Dadurch werden die Männchen angelockt und versuchen, sich mit der Blüte zu paaren. Bei diesem Täuschungsmanöver bleibt der Pollen am Insekt haften und wird zur nächsten Blüte übertragen – so erfolgt die Bestäubung.
Besonders sind bei den Orchideen auch die Samen. Sie setzen auf Masse statt Klasse: Eine einzige Samenkapsel kann je nach Art mehrere Tausend bis Hunderttausende, manchmal sogar über eine Million winzige Samen enthalten. Diese gehören zu den kleinsten im Pflanzenreich und sind so leicht, dass sie vom Wind über weite Strecken getragen werden können. Allerdings besitzen sie keine Nährstoffreserven. Damit aus einem Samen eine neue Orchidee entsteht, ist er auf die Hilfe eines ganz bestimmten Bodenpilzes angewiesen – ohne diesen Partner bleibt der Samen trotz seiner weiten Reise keimunfähig. Ist der passende Pilz vorhanden, versorgt er den keimenden Orchideensamen mit den Nährstoffen und Kohlenstoffverbindungen, die dieser zum Wachsen benötigt. Erst wenn die junge Pflanze genügend Blätter entwickelt hat und selbst Photosynthese betreiben kann, wird aus dieser Hilfe eine gegenseitige Partnerschaft: Die Orchidee gibt dem Pilz einen Teil des bei der Photosynthese gebildeten Zuckers ab.
Heimische Orchideen im Naturpark Zirbitzkogel-Grebenzen
Die abwechslungsreiche Landschaft des Naturparks bietet Orchideen ideale Lebensbedingungen. Feuchte Niedermoore, artenreiche Bergwiesen, lichte Wälder und alpine Matten schaffen auf engem Raum eine beeindruckende Vielfalt an Lebensräumen. Entsprechend groß ist auch die Zahl der heimischen Orchideenarten.

Bild 1: Fleischfarbene Fingerwurz (Dactylorhiza incarnata s. str.)
Besonders typisch für die Moore sind die Fleischfarbene Fingerwurz (Dactylorhiza incarnata s. str.) und die Sumpf-Ständelwurz (Epipactis palustris). Während Dactylorhiza incarnata vor allem in kalkreichen Niedermooren wächst, findet Epipactis palustris im Dürnberger Moor optimale Bedingungen und zählt dort zu den botanischen Besonderheiten.

Bild 2: Sumpf-Ständelwurz (Epipactis palustris)
In lichten Wäldern und an Waldrändern begegnet man der Gefleckten Fingerwurz (Dactylorhiza maculata agg.) sowie dem Roten Waldvögelein (Cephalanthera rubra). Beide Arten profitieren von halbschattigen Standorten und einer naturnahen Waldstruktur.

Bild 3: Gefleckte Fingerwurz (Dactylorhiza maculata agg.)

Bild 4: : Rotes Waldvögelein (Cephalanthera rubra)
Echte Kostbarkeiten des Naturparks kann man in den Bergen finden. Dazu gehört die Weiße Höswurz (auch: Weißzüngel, Pseudorchis albida). Sie wächst auf den alpinen Matten der Seetaler Alpen und bevorzugt nährstoffarme Bergwiesen und Zwergstrauchheiden. Dort kann man mit etwas Glück auch unsere seltenste Orchidee finden: das Kohlröschen (Nigritella nigra s. lat.). Seine dunkel purpurfarbenen, intensiv nach Vanille duftenden Blüten sind eine Besonderheit der alpinen Flora. Die Art kommt nur an wenigen geeigneten Standorten der Seetaler Alpen vor. Aufgrund ihres seltenen Vorkommens und ihrer hohen Ansprüche an den Lebensraum gilt sie als besonders schützenswert und zählt zu den botanischen Juwelen des Naturparks.

Bild 5: Weiße Höswurz (Pseudorchis albida)

Bild 6: Kohlröschen (Nigritella nigra s. lat.)
Daneben wachsen im Naturpark noch zahlreiche weitere Orchideenarten, darunter Waldhyazinthen (Platanthera spp.), weitere Fingerwurzen (Dactylorhiza spp.), Ständelwurzen (Epipactis spp.) und Händelwurzen (Gymnadenia spp.). Sie alle zeigen eindrucksvoll, wie wichtig vielfältige und naturnahe Lebensräume für den Erhalt unserer heimischen Pflanzenwelt sind. Damit sie auch künftige Generationen begeistern können, brauchen sie vor allem eines: intakte Lebensräume und Menschen, die diese schützen.
Autor & Fotos: Dr. Thorsten Jakobitsch


